
Wo verorten wir uns?
Von der Nicäa-Konzil bis der Lehre von Bonhoeffer
in diesem Jahr stehen zwei wichtige Jubiläen an: 1700 Jahre Konzil von Nicäa und der 80. Todestag von Dietrich Bonhoeffer. Auf den ersten Blick scheinen die beiden Ereignisse wenig miteinander zu tun zu haben. Doch der Schein trügt.
In Nicäa wurde um wichtige Fragen der Christologie gerungen. Wer ist Jesus, und wie ist sein Verhältnis zu Gott dem Vater? Das auf diesem Konzil verabschiedete Bekenntnis, das als erstes ökumenisches Glaubensbekenntnis in die Geschichte eingehen sollte, beantwortet die Frage dahingehend, dass Jesus Christus „wahrer Gott von wahrem Gott“ und „für uns Menschen und wegen unseres Heils herabgestiegen und Fleisch geworden ist, Mensch geworden ist, gelitten hat und am dritten Tag auferstanden ist“.
Eben dieser Christus, der ganz Gott und zugleich ganz Mensch ist, ist für Dietrich Bonhoeffer die Mitte des Glaubens. Wenn Gott seinen Platz bei den Menschen gesucht hat, dann muss es ihm die Kirche nachtun. Kirche darf sich nicht selbst genug sein, sondern hat ihre Daseinsberechtigung nur, wenn sie „Kirche für andere“ ist.
Schon kurz nach Hitlers Machtübernahme in Deutschland 1933 hat Dietrich Bonhoeffer gegen die Diskriminierung und Verfolgung von Juden Stellung genommen: „Die Kirche ist den Opfern jeder Gesellschaftsordnung in unbedingter Weise verpflichtet, auch wenn sie nicht der christlichen Gemeinde zugehören […] Wenn die Kirche den Staat ein Zuviel oder ein Zuwenig an Ordnung und Recht ausüben sieht, kommt sie in die Lage, nicht nur die Opfer unter dem Rad zu verbinden, sondern dem Rad selbst in die Speichen zu fallen.“ (DBW 12, S. 353)
Das hat Bonhoeffer getan. Aus Glaubens- und Gewissensgründen schloss er sich dem Widerstand gegen Hitler an. Kurz vor Kriegsende, am 9. April 1945, wurde er auf persönlichen Befehl des Führers hingerichtet.
Tu deinen Mund auf für die Stummen
und für die Sache aller, die verlassen sind.
(Sprüche 31,8)
Wenn Gott Mensch wird, ist das zutiefst politisch. Davon war Bonhoeffer, ganz auf dem Boden von Nicäa stehend, überzeugt. Wenn wir 2025 seinen Todestag und das Jubiläum des Konzils von 325 feiern, stellt uns das vor die Frage: Wo verorten wir uns in einer Zeit, wo demokratiefeindliche Kräfte immer mehr Raum einnehmen, wo Recht durch Macht entschieden wird, wo auf internationalem Parkett Täter zu Opfern und Opfer zu Tätern erklärt und Menschenrechte in Frage gestellt werden und wo die Bewahrung der Schöpfung von der Tagesordnung gestrichen wird?
Ihr
Timm Harder,
Pfarrer der Evangelischen Gemeinde Meran